„Wir feiern heute die Überwindung einer unmenschlichen Grenze, das friedliche Zusammenwachsen von zwei Staaten zu einem geeinten, demokratischen Deutschland“, stellte Landrat Heinrich Frieling in seinem Grußwort heraus. Der Tag der Deutschen Einheit sei jedoch auch eine Einladung, sich kritisch mit dem auseinanderzusetzen, was die Gesellschaft noch trenne, und zugleich eine Aufforderung, fortwährend daran zu arbeiten, diese Trennung zu überwinden. „Ich gebe zu: Ich dachte, wir wären da schon viel weiter. Die Unsicherheit in der Welt und die wirtschaftliche Lage des Landes bringen alte Vorbehalte wieder zum Vorschein. Dabei bräuchte es gerade jetzt Einigkeit, um die Probleme anzugehen“, sagte der Landrat.
Das autoritäre Regime der DDR mit seinen spezifischen Bildungs-, Medien- und Gemeinschaftsstrukturen beeinflusse bis heute die Haltung der in der DDR aufgewachsenen Bürgerinnen und Bürger zu gesellschaftlichen Themen, Familienstrukturen, Gemeinschaftssinn und individuellen Freiheitsvorstellungen. „Diese historischen Prägungen manifestieren sich in den vielfältigen Meinungen, in den unterschiedlichen Wertvorstellungen und manchmal auch in den politischen Präferenzen, die wir in unserem vereinten Land beobachten“, stellte Heinrich Frieling fest. Daher freue er sich besonders, mit Dr. Peter Keup einen Redner für den heutigen Festakt gewonnen zu haben, der sich als Historiker seit Jahrzehnten mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinandersetzt und tiefere Einsichten ermöglichen könne.
Repressalien, Angst und Isolation
Peter Keup wird 1958 in Radebeul bei Dresden geboren. Als seine Eltern 1974 einen Ausreiseantrag stellen und damit scheitern, bestimmen fortan Repressalien das Leben des Jugendlichen. Er wird der Schule verwiesen, kann das Abitur nicht ablegen, muss stattdessen einen Lehrberuf wählen und entscheidet sich für eine Ausbildung als Schriftsetzer. Auch im Sportklub, in dem er Leichtathletik betreibt, geht es für ihn nicht weiter. Gut läuft es für ihn nur bei den Tanzturnieren, an denen er ab 1977 zusammen mit seiner Schwester Uta teilnimmt und es so 1981 sogar in die Nationalmannschaft der DDR schafft.
Sein Wunsch, an Turnieren im Westen teilzunehmen, wird ihm jedoch – ebenso wie private Reisen ins Ausland – verwehrt. Im Juli 1981 unternimmt der damals 23-Jährige schließlich einen Fluchtversuch. Der Weg raus soll über die damalige CSSR nach Ungarn und von dort nach Österreich führen, endet jedoch bereits an der tschechischen Grenze. Keup wird festgenommen und wegen „Vorbereitung zur Republikflucht“ zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt. Für ihn beginnt damit ein Martyrium aus Isolation und Angst.
Im März 1982 wird Peter Keup von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Er startet ein neues Leben in Essen, wird Profitänzer und betreibt lange Jahre eine Tanzschule. Doch mit dem Mauerfall 1990 holt ihn seine DDR-Vergangenheit wieder ein. Keup beginnt mit der Aufarbeitung, auch seiner eigenen Familiengeschichte. Er studiert Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt deutsch-deutsche Geschichte, anschließend Politisch-Historische Studien und promoviert. Heute ist Dr. Peter Keup wissenschaftlicher Mitarbeiter am Menschenrechtszentrum Cottbus e. V. und in der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft e. V. Als Zeitzeuge ist er für verschiedene Institutionen und Initiativen im In- und Ausland tätig.
Geschichte, die nicht spaltet, sondern erklärt
„Menschen umarmen sich, weinen, lachen, tanzen: Diese Zuversicht ist bis heute Bestandteil unserer Erinnerung an die Nacht des Mauerfalls am 9. November 1989“, sagte Keup und fragte: „Was ist – 36 Jahre nach der Wiedervereinigung – aus dieser Euphorie geworden?“ Ja, Deutschland sei vereint. Aber ist es auch geeint? Nicht zuletzt mit Blick auf die Ergebnisse der Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin müsse daran gezweifelt werden. „Die innerdeutsche Grenze: Sie ist wieder da“, konstatierte er angesichts des Erstarkens der politischen Ränder.
Während sich im Westen durch die Wiedervereinigung kaum etwas verändert habe, gingen im Osten Arbeitsplätze verloren, brachen Berufsbiografien ab, mussten die Menschen erleben, dass das, was sie 40 Jahre für richtig gehalten hatten, plötzlich keinen Bestand mehr hat. „Wir müssen diese unterschiedlichen historischen Erfahrungen zusammenführen und dürfen sie nicht gegeneinander ausspielen“, richtete Dr. Peter Keup seinen eindringlichen Appell an den voll besetzten Kuppelsaal des Ritterguts Störmede.
Freiheit sei möglich geworden, weil die Menschen Freiheit wollten und dafür gekämpft haben. Diese Freiheit weiterzugeben, sei vielleicht die wichtigste Aufgabe des Tags der Deutschen Einheit. Eben deshalb brauche es aber nicht weniger Erinnerung und weniger Geschichte, sondern mehr – „und zwar Erinnerung und Geschichte, die nicht spaltet, sondern erklärt, und in der die Leistungen der Bundesrepublik ebenso Platz haben wie die Erfahrungen der DDR.“
Ressentiments und persönliche Enttäuschungen ablegen
IGCS-Vorsitzender Dirk Pälmer und Oberst der Reserve stellte ebenfalls auf das Verbindende, aber auch das Trennende ab: „Seit nunmehr 36 Jahren ist Deutschland wiedervereint. In einem historischen Kraftakt wuchs zusammen, was zusammengehört – wir sind ein Volk“, unterstrich er. Dennoch gebe es noch heute im geografischen Westen und Osten Deutschlands Ressentiments gegenüber dem jeweils anderen Teil des Landes und Frust und Unzufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen wie sozialen Situation, die zum Teil der Wiedervereinigung angelastet würden.
Pälmer appellierte, diese Ressentiments und persönlichen Enttäuschungen abzulegen. „In der derzeitigen Stimmungslage haben es die Gegner der Demokratie mit vermeintlich einfachen und radikalen Lösungen leicht. Doch wir wissen alle und sollten es auch immer wieder hervorheben: Demokratie ist die bessere Staatsform, aber ohne Anstrengungen, Arbeit und ein großes Stück persönliches Engagement lässt auch Demokratie sich nicht leben“, fand er deutliche Worte.
Abschließend ergriff Gesekes Bürgermeister Dr. Remco van der Velden das Wort. In persönlichen Erinnerungen schaute er auf die Zeit direkt nach der Wiedervereinigung und auf das heutige Deutschland und verknüpfte diese Eindrücke mit Denkanstößen. „Was bedeutet es für ein Land, wenn genau die Menschen, die etwas bewegen wollen, dieses Land verlassen?“, fragte er etwa angesichts der Abwanderung insbesondere der jungen Generation aus dem geografischen Osten des Landes.
Durch die Feierstunde führte in bewährter Form Moderator Jochen Siering, Fregattenkapitän der Reserve. Den musikalischen Rahmen gestaltete Patrick Porsch am Saxophon.
Hintergrund:
Die Feier zum Tag der Deutschen Einheit hat im Kreis Soest Tradition: Seit inzwischen 19 Jahren prägen Rednerinnen und Redner, Zeitzeugen und Schülergruppen das Programm der Veranstaltungen. Aus verschiedenen Perspektiven werden die historische Wende und die damit verbundenen menschlichen Schicksale beleuchtet.




